Das Abgründige in den Erscheinungen

David E. Scherman, von Lee Miller

Es gibt viele Berichte über Lee Miller, deren Bilder gerade in der galerie hiltawsky gezeigt werden. Sie fokussieren auf ihr glamouröses Leben vor dem Zweiten Weltkrieg oder auf ihre Zeit als taffe Kriegsreporterin, die die Leichenberge in Dachau fotografierte oder sich selbst in Hitlers Badewanne inszenierte.

Aber es gibt eine weitere Seite von Lee Miller, die in ihren Fotos sichtbar wird. Diese erzählen von einer Frau, die nicht nur eine fundierte surrealistische Ausbildung hatte und in regem Austausch mit Man Ray stand, sondern die auch einen unbestechlichen Blick für das Abgründige in den Erscheinungen hatte, die sie fotografierte.

Da ist dieses Bild aus Kriegszeiten, das ihren Kollegen David E. Scherman in Gasmaske an seiner Kamera zeigt, einen gestreiften Regenschirm über sich (vgl. Beitragsbild). Dieses Foto fängt nicht nur das feine Zusammenspiel des Gewöhnlichen mit dem Außergewöhnlichen ein, das zum Einen auf die außergewöhnlichen Arbeitseinsätze der Reporter verweist und zum Anderen  auf die Logik des Krieges, der ja den Ausnahmezustand von Gewalt und Totschlag zur Normalität erhebt. Nein, dieses Foto zeigt noch etwas Anderes: die Verwandtschaft der Kamera mit dem von der Gasmaske bedeckten Gesicht. Durch die Nähe zur Kamera, der es mit seinen etwa gleich großen Rundungen ähnelt, erweckt das Gasmasken-Gesicht den Eindruck einer Maschine. Wir haben dann: eine Maschine (in der ein Mensch steckt), die eine Maschine bedient. Ein Symbolbild für einen Krieg, in dem Menschen zu Tötungsmaschinen degradiert wurden (bzw. sich degradieren ließen), und in dem das Töten maschinelle Ausmaße annahm.

Auch in anderen Bildern Millers findet sich dieser Blick fürs Symbolische. Etwa wenn sie eine demontierte weibliche Statue inmitten von Trümmern fotografiert, auf deren Brust ein Backstein liegt.

Max Ernst und Dorothea Tanning

Oder das Beziehungsbild von Max Ernst und Dorothea Tanning, in dem eine Miniatur-Tanning zu einem übermenschlich großen Ernst aufblickt. Beide Fotos sind unzweideutige Kommentare zur gesellschaftlichen Stellung der Frauen sowie zur Abwertung und Verletzung von Weiblichkeit in patriarchalen Zeiten.

 

 

 

Cheops Pyramide, Lee Miller
Lee Millers Ägypten-Bilder. Das unterste zeigt den Schatten der Pyramide.

Nicht nur formal wunderbar ist auch das Bild, das den Schatten der Cheops Pyramide von oben fotografiert zeigt: ein Riesenschatten, der die klitzekleine Landschaft unter sich beinahe erschlägt.

Oder die beiden Gänse vor dem verhüllten Sperrballon in London Park, durch Stacheldraht hindurch fotografiert. Wieder ein feines Zusammenspiel des Banalen, hier auch Ländlich-Häuslichen, mit dem Bizarren, Unnormalen. Es bringt die irrwitzigen Gegensätze der Zeit zum Tanzen und ruft so das Abgründige hervor.

So zeigen ihre Bilder, wer Miller auch war: eine Frau, die im Augenblick des Fotografierens im Vielschichtigen das hinter den Erscheinungen Verborgene sah. Sie hatte die Gabe, dies zum Vorschein zu bringen. Und sie nutzte sie.

 

 

 

Ave Mond

Mond über Reutlingen 2013

geschrieben von Annegret Nill im Jahr 1999

 

Ave Mond

Ave Mond, Perle der Nacht,

spiegelst die Glut der menschlichen Macht.

Kühl blickst Du mit Deinem Gesicht,

dunklen Schatten im leuchtenden Licht,

auf nächtliche Triebe, auf düstere Pracht.

 

Ave Mond, göttlich die Nacht,

in der Deiner Strahlen Glanz erwacht.

Kühl leuchten sie über der Stadt,

in der Leiden kein Mitleid mehr hat –

erhellen die Kälte, die Glut entfacht.

 

Ave Mond, Prachtstück der Nacht,

durch Dein Juwel wird die Gier verlacht.

Kühl funkelt es über dem Land,

in dem kein Mensch Deine Botschaft erkannt –

bescheint imitierend smaragdene Fracht.

 

Ave Mond, Mitte der Nacht,

über dem Lärmen erscheinst Du sacht.

Kühl glänzt Du mit ehrlichem Schein,

unter Dir trügerisch friedliches Sein –

in dem sich die Mächtigen sicher gemacht.

 

Ave Mond, Pol in der Nacht,

scheinst auf die Welt, in der alles verkracht.

Kühl folgst Du der eigenen Bahn,

blickst auf der Menschen Spaltungswahn –

der sie um ihre Gleichheit gebracht.

 

Ave Mond, Auge der Nacht,

siehst die heimlichen Gänge der Macht.

Kühl reflektierst Du ihre Glut,

Dein gleißendes Licht ist eine Flut –

in der erlöschend versinkt die Pracht.

 

Ave Mond, Spiegel der Nacht!

 

© Annegret Nill

 

Anmerkung:

Dieses Gedicht, das ich im November 1999 in einer kühlen Vollmondnacht schrieb, erscheint mir angesichts der heutigen Amtseinführung von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wieder aktuell. Ich widme es daher daher den aktuellen Vorgängen.

Ein Weihnachtsmärchen

geschrieben von Annegret Nill, im Jahr 2000

Marwitz, Gästezimmer der HB Werkstätten für Keramik GmbH, im Sommer 2000. Inmitten von Steingut, Ton- und Keramikarbeiten sitze ich auf einem abgenutzten kleinen Sessel und warte auf meine Freundin, die oben im Allerheiligsten Hedwig Bollhagen interviewt. Hedwig Bollhagen, inzwischen 93 Jahre alt, erlaubt ihr, die an einer Magisterarbeit zum Thema HB und Bauhaus, Übernahmen und Unterschiede, arbeitet, zu diesem Zweck Einblick in alte Prospekte, Zeitungsartikel, Ausstellungskataloge sowie Photos und Erinnerungen. Derweil, um meiner Freundin nicht in die Quere zu kommen, sitze ich neben dem Büro der Firma in einem kleinen Raum, in dessen Mitte sich ein Tisch mit Keramikkachel-Aufsatz befindet, auf dem einige Blumengestecke sowie eine christliche Weihnachtsbroschüre des evangelischen Frauenverbandes stehen. Durch die offene Tür kann ich die Sekretärin bei ihrer Arbeit am Telefon belauschen. Um mich herum, hinter Holzkommoden mit Glasschiebetüren, eine Sammlung der im Lauf der Jahre entstandenen Produkte der Firma: Vasen, Geschirr, Kannen, Töpfe und mehr, blau, grün, braun oder schwarz, gepunktet, gestreift, gezackt, mit Phantasie-, Waben- und Blümchenmustern oder streng geometrisch, die Formen variabel von dickbauchig gedrückt über dünn gestreckt zu elegant geschwungenem Kurvenreichtum.

Mir gegenüber auf dem Sideboard steht eine grün-schwarz glasierte Teekanne, ovale Form, die Henkel weit nach oben über den Deckel geschwungen. Ich starre sie an. Geheimnisvoll glänzt sie im Licht der kalten Neonröhre zurück. Schwarz-grün-schwarze Streifen im Wechsel, schwarz gerundet der Deckelrand, eine grüne Ritze, Henkel und Schnabel pechschwarz und flimmernd, ein Überhang von schwarz, ich sinke ein. Schwarzer Strich, spiegelt mich. Grün hinein, taucht mich ein. Schwarz-grün-schwarz-grün-schwarz beginnt sich das Zimmer um mich zu drehen. Die Stimme der Sekretärin verschwindet aus meinem Ohr, ein Wirbeln erfüllt mich, ein hoher Ton, schwarz-grün, ein tiefer Ton, die Augen geschlossen, geblendet von plötzlichem Glanz.

Als ich die Augen wieder öffne, befinde ich mich in einem Tannenwald. Der Boden bedeckt mit weißem Schnee, die Bäume dunkel und hoch. Überall glitzert es und funkelt. Millionen von Eiszapfen hängen an den Bäumen, umgeben die einzelnen Nadeln, ein kristallenes Land. Ich stehe inmitten einer kleinen Lichtung auf einer hohen Schneekruste. Um mich herum ist es unglaublich kalt. Behutsam setze ich einen Fuß nach vorne und verlagere das Gewicht, probiere aus, ob der Schnee mich trägt. Die Kruste scheint so hart wie Eis zu sein. Ich trete fester auf, hüpfe dann vorsichtig, aber ich sinke nicht ein. Nur ein ganz leichter Abdruck bleibt dort sichtbar, wo ich nach meinem Sprung aufkomme. Keine weiteren Tapfen sind zu sehen.

Der Schnee leuchtet den Boden unten weiß aus, hoch oben die Baumgipfel werden von einem runden Vollmondgesicht und Millionen glitzernden Sternen erhellt. Auf Augenhöhe sehe ich in eine unendliche Dämmerung, die alles Leben verschluckt. Von der Lichtung gehen drei weiße Schneepfade ab.  Während ich überlege, welchen der drei Pfade ich wählen soll – den großen breiten, den kleinen geraden oder der gewundenen – fällt mir ein leises heiteres Pfeifen auf, das immer lauter wird. Ich beschließe, auf den Pfeifer zu warten. Inzwischen habe ich auch die Melodie erkannt, die da unermüdlich immer näher kommt: „Don’t worry, be happy“ von Bobby McFerrin. In Gedanken versuche ich noch, mir die Person auszumalen, die sich da auf mich zu bewegt, da biegt sie plötzlich aus dem gewundenen Pfad hervor und schwebt keine zwei Meter entfernt von mir vorbei.

Die Gestalt ist klein, mindestens einen Kopf kleiner als ich, von einer langen roten Zipfelmütze bedeckt und mit einem grau-weißen Bart verziert, der bis zum Boden reicht. Der Mantel ist ebenfalls bodenlang und nachtblau, mit aufgestickten Planeten und allen Sternzeichen in gelb. Das auffallendste aber ist die große schwarze Brille, die seine obere Gesichtshälfte verbirgt. Vielleicht ist sie der Grund dafür, dass er an mir vorbei geht, als wäre ich nicht vorhanden. Ich will ihn rufen, aber meine Stimmbänder müssen eingefroren sein; ich kriege nicht einmal ein Räuspern heraus.

Als das Männchen in den großen breiten Pfad einbiegt beginnen sich meine Beine von selbst zu bewegen, folgen der pfeifenden Erscheinung wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln. Eine Weile geht es gerade aus, während die Tannen um uns immer höher und dichter werden und, gleich stummen Wächtern, auf den Weg einzurücken scheinen. Ja, ich bin mir sicher, der Weg ist inzwischen um die Hälfte schmäler. Die Melodie hat sich auch verändert; ich folge jetzt den Klängen von „Yesterday“ durch den Wald. Meine Gedanken sind wild gewordene Hühner, die sich im Kreise drehen und nicht wissen, was sie als nächstes erwarten sollen, ob sie nicht gleich im Suppentopf landen werden. Doch meine Beine laufen weiter.

Das Pfeifen wechselt zu „Rockin‘ around the Christmas tree“, die Gestalt biegt nach rechts in eine kleine Lücke zwischen den Tannen. Ich folge. Und stehe plötzlich vor einem großen Iglu, im Halbkreis umgeben von niedrigen Fichten, die wie Weihnachtsbäume geschmückt sind. Rings um das Eishaus blinken Sterne, Äpfel und Lebkuchen. Die Tücher über dem Eingang lüften sich. Ich blinzele. Eine große gebeugte Frau steht im Eingang und nickt mir zu, während sie das Männchen links und rechts auf die Wange küsst. Ihre ebenholzschwarzen Haare, zu einem langen geflochtenen Zopf frisiert, winden sich wie eine Schlange mehrmals um ihren weichen weißen Hals. „Ich habe dich erwartet, tritt ein“, sagt sie, und ihr Mund, der im Dämmerlicht rot leuchtet, formt sich zu einem warmen Lächeln.

Ich folge der Gestalt ins Innere. Die Tücher schließen sich automatisch hinter mir. Das erste, was mir auffällt, ist ein großer runder Kamin, der in der Mitte des Zimmers steht. Rings um den Ofen ist ein Holztisch angebracht, auf dem allerlei Nüsse, Lebkuchen und Weihnachtsgebäck gestapelt sind. An den Wänden türmen sich Geschenke in allen Formen und Farben bis an die Decke, von der ein paar kleine Weihnachtsbäume herunterhängen. In der Luft hängt ein Duft nach Zimt und Nelken. „Setz dich doch“, fordert die Frau mich auf und stellt mir einen Pott heißesten Glühwein vor die Nase. Ich nippe daran. Nach und nach verlässt mich das ruckartige Zittern, das meinen Körper seit Betreten der warmen Wohnung schüttelt; nur ein kleiner Teil von mir, meine Stimme, friert noch nach. „Mein Mann konnte dich nicht sehen“, fährt die Frau fort, „er ist blind. Aber er hat deine Anwesenheit gespürt, ebenso wie ich. Lass mich uns vorstellen: Wir sind das Weihnachtspaar. Seit es die Christen gibt, sorgen wir dafür, dass Weihnachten alle Jahre wiederkommt.“

Während die Weihnachtsfrau mir über das Leben hier in diesem Wald erzählt, hat das Weihnachtsmännchen von irgendwoher eine Mundharmonika besorgt. Nun sitzt er glücklich in seiner Ecke und spielt die alten Hits von Queen, einen nach dem anderen. Meine ungläubigen Ohren wissen nicht, in welche Richtung sie hören sollen, da sagt die Weihnachtsfrau sanft: „Nach all den Jahrhunderten im Tannenwald ist uns nun das Christkind abhanden gekommen. Wir brauchen dringend Ersatz, sonst muss die Weihnachtsfeier dieses Jahr ausfallen. Überleg dir, ob du hier bei uns bleiben möchtest. Es ist ein gutes Leben, ruhig und geheimnisvoll. Du müsstest allerdings stumm bleiben. Für immer.“

Ein Schütteln läuft durch meinen Körper. Schwarz grün schwarz dreht sich alles vor meinen Augen, die Welt verschwimmt um mich herum. Als ich die Augen wieder öffnen kann, befinde ich mich im Besucherzimmer der HB Werkstätten für Keramik GmbH; mir gegenüber steht eine glänzende Teekanne schwarz grün schwarz und starrt mich an.

Die Katze in uns

Soldaten, bearabeitet von Torsten Solin

Katzen gelten als freiheitsliebend, verspielt, rätselhaft, launisch und irgendwie süß. Vielleicht ist genau dies der Grund, weshalb es letztlich das Katzenbild mit Menschengesicht ist, das mir die Ausstellung „Das Album“ von Torsten Solin in der galerie hiltawsky neu erschlossen hat. Denn all diese Eigenschaften gelten auch für Solins eigenwilliges Werk.

Aber der Reihe nach. Wenn ich mir die manipulierten Erinnerungsfotos der Ausstellung anschaue, ist die erste Reaktion ein Lächeln. Eine Reaktion, die ich in den Gesichtern vieler Galeriebesucher wiederfinde. Schaue ich länger hin, werden mir die Bilder etwas unheimlich. Das liegt wohl daran, das mir aus allen Fotos das gleiche Gesicht entgegen starrt. In unterschiedlichen Körpern, unterschiedlichen Posen, unterschiedlichen Inszenierungen, unterschiedlichen Geschlechtern und vor unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, klar. Aber doch das gleiche Gesicht. Plötzlich erscheint mir das Gesicht des Künstlers als Joker und als Maske.

Was verbirgt sich wohl hinter der Maske, frage ich mich? Was verbergen die Originale all diese inszenierten Erinnerungsbilder? Wie hat sich das Leben dieser Menschen wirklich angefühlt – hinter der Pose, die sie für das Foto eingenommen haben, jenseits der inszenierten Wirklichkeit und der Sonntagskleider, in die sie sich für das Erinnerungsbild gesteckt haben? Wie war es, Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Land zu leben, als kleines Mädchen barfüßig in eine Schule zu gehen, in der alle Mitschüler in der Klasse unterschiedlichen Alters waren? Wie hat es sich angefühlt, als junger Soldat in den Weltkrieg zu ziehen? Und was hat wohl Sitting Bull gedacht, als er im 19. Jahrhundert für dieses Foto posierte, das Solin jetzt mit seinem eigenen Gesicht ausstaffiert hat?

018
Torsten Solin: Sitting Bull

Wenn ich die Fotos eine Weile anschaue, passiert etwas Seltsames. In all diesen Menschen sehe ich plötzlich – mich. Ich bin die bezopften Mädchen auf der Bank, der Mann mit Hund vor dem heruntergekommenen Haus, das Mädchen mit dem Sombrero. Die Aussage wird zu: Wir sind alle eins. Jede(r) von uns ist jede(r). Jede(r) könnte als jede(r) auf die Welt kommen, und zu jeder Zeit. Wir teilen alle die menschliche Form, den menschlichen Geist, machen alle eine menschliche Erfahrung – vor diesem oder jenem familiären, kulturellen und geschichtlichen Hintergrund, der uns prägt und unserem Leben eine Ausrichtung verleiht. Schicksal, würden diesen Hintergrund einige nennen. Aber wir können aus dieser Prägung herauswachsen.

Hier kommt für mich das Bild mit der Katze ins Spiel. Ein männliches Bild, meint einer der Galerie-Besucher, denn die Katze mit menschlichem Gesicht ist umgeben von Gegenständen, die Soldaten im Ersten Weltkrieg mit sich führten: Stahlhelm, Blechnapf, Trinkgefäß. Sie schaut aus einer Felljacke, die halb über einer Stuhllehne hängt.

aus Torsten Solins Serie "Das Album"
Torsten Solin: Katze

Warum eine Katze, frage ich mich, und warum diese Inszenierung? Und komme auf die Eigenschaften, mit denen der Text beginnt. Freiheit, denke ich. Mhm. Das ist die Antithese zu einem Leben als Soldat. Was könnte unfreier machen als das Leben in der Truppe, die Verpflichtung zu absolutem Gehorsam, die in letzter Konsequenz die Aufgabe des Selbst bedeutet?

Ein Soldat, zumindest zu  Zeiten des ersten Weltkriegs, ist potentiell beides: Kanonenfutter und Tötungsmaschine, Täter und Opfer in Personalunion, unter Ausschluss der Freiheit. Dieses Bild trägt also in sich die beiden Pole der menschlichen Möglichkeiten: Freiheit auf der einen Seite, Unterwerfung auf der anderen, höchstes Potential und Selbstaufgabe.

Ich schaue mir die Fotos noch einmal an, diesmal unter diesem Aspekt. Jetzt gewinnt das Künstliche der Originale an Gewicht. Der inszenierte Hintergrund, die Kleidung, die Mode. Die kulturelle Befangenheit, die Tradition, für die diese stehen. Die Prägung wird zur Chiffre für Unfreiheit, hinter der sich auch Gewalt verbirgt.

Doch das ist nur die eine Seite. Ohne Prägung in der Kindheit gibt es keine Identität und kein selbstbestimmtes Leben; sie lässt sich nicht vermeiden. Der Weg zur Befreiung der Katze in uns führt durch unsere Prägungen hindurch: Wir müssen sie durchleuchten und durchschreiten, bis wir uns innerlich befreit haben.

Und wieder schaue ich auf die Bilder. Das Gesicht des Künstlers grinst mich aus allen möglichen Verkleidungen heraus an. Nimm’s nicht zu ernst, scheint es zu sagen. Letztlich ist alles nur ein Spiel. Katzen würden das bestimmt unterschreiben.

Der sprechende Hintergrund

Naked Truth von BeckerHarrison

Wahrheit, fragen die Bilder und schauen mich an, was ist Wahrheit? Seit Samstag sitze ich in der Potsdamer Straße und hüte mit „The Naked Truth“ den 2. Teil der Doppel-Ausstellung des Künstlerduos BeckerHarrison in der galerie hiltawsky. Die großformatigen Bilder haben viel Zeit, mir diese Frage zu stellen. Manchmal fragen sie auch: Was ist unsere Wahrheit, und dann tauche ich ein und schwimme durch ihre verschiedenen (Ge-)Schichten. Ich tue das gern. Es sind allein die Bilder, die diesem Raum Tiefe und Wärme verleihen. Ohne sie erschiene er mir so kalt wie das Parkhaus, das er vermutlich einmal war.

Was ist unsere Wahrheit? An der Oberfläche der Bilder sehe ich eine moderne Auslegung des Abendmahls von Leonardo da Vinci. Ladyboys aus Bangkok wurden in den gleichen Dreiergrüppchen formiert wie die Jünger auf da Vincis Original, und auch hier sitzt bei den meisten Bildern eine männliche Jesus-Figur in der Mitte – nur hat diese Figur Dreads, trägt Turnschuhe und hat auf einigen Bildern einen anderen Gesichtsausdruck. Er hält den Kopf gesenkt, die Pupillen sind nach oben verdreht. Einer der Besucher nennt diesen Jesus dämonisch. Doch dann sind da die Bilder, auf denen die Mitte anders dargestellt ist: Eine Frau von fast überirdischer Schönheit scheint dort zu sitzen. Ihre Züge sind ebenmäßig und zart, ihre Hände feingliedrig und lang. Doch der Schein trügt: Auch diese Jesus-Figur ist ein Ladyboy und damit ein umoperierter Mann.

Während die männliche Jesus-Figur vor einer fein herausgearbeiteten Landschaft sitzt, die durch das Fenster in den Raum hineinblickt, erscheint die Landschaft hinter dem Ladyboy-Jesus verschwommener. Dafür ist der Himmel von einem leuchtenderen Blau, und auch das Weiß der Wolke ist intensiver. Fast scheint es dem Ladyboy-Jesus einen Heiligenschein zu verleihen. Und ich mache mir klar: Ladyboys tanzen in unserem Leben vor einem prekären Hintergrund. Es gibt wohl keine Berufsgruppe in unserer Gesellschaft, deren Ansehen so niedrig ist wie das der Prostituierten. Und es gibt wohl kaum eine Menschengruppe, die im Alltag so vielen Infragestellungen und Abwertungen begegnet wie Transsexuelle – besonders wenn sie den Weg ins Weibliche gehen.

Wie sehr das Weibliche in unserer Gesellschaft noch immer abgewertet wird, zeigt sich auf der Ebene der Kleidung daran, dass zwar Frauen schon vor längerer Zeit Hosen für sich erobert haben. In die andere Richtung ging die Gleichberechtigung allerdings nicht. Männer tragen auch heute noch keine Röcke. Die paar Vorreiter, die man seit den 90ern gelegentlich trifft, sind den gnadenlos abschätzigen Blicken ihrer Mitmenschen ausgesetzt. Auch deshalb wahrscheinlich konnte aus diesem Ansatz nie ein Trend werden, und es bleibt bei vereinzelten mutigen Ausnahmen.

Ich schwimme durch das leuchtende Blau über der verschwommenen Landschaft im Hintergrund des Bildes und denke: Dieses Bild ist eine Vision, ein Traum von einer anderen Welt, in der gesellschaftliche Wertungen aufgehoben sind. Ein Traum, in dem die Niedrigsten die Höchsten geworden sind, in dem jede Schönheit und Zartheit so sein darf, wie sie eben ist. Ein Traum ganz im Sinne von Jesus, scheint mir.

Doch – was ist Wahrheit – im zweiten Bild mit der Ladyboy-Schönheit als Jesus scheint die Realität der Aufnahmen durch. Die Wände sind durchsichtig geworden, und die Fliesen der Business Lounge des Hotels in Bangkok, in dem die zugrunde liegenden Fotografien gemacht wurden, werden sichtbar. Hier ist auch der Landschafts-Hintergrund fast verschwunden: Nur graue, blasse Konturen deuten ihn noch an. Über dem Bild steht: „The truth is all there is“. Doch welche Wahrheit ist gemeint? Die Wahrheit der Vision, der durch die Bilder scheinenden Humanität und Gleichwertigkeit – oder die Wahrheit der so genannten Realität, der hard facts and hard skills?

Das Bild daneben, eine Variation mit der männlichen Jesus-Figur in der Mitte, hat seine Figuren ausgezogen. Auch hier scheinen die Fliesen des Hotelzimmers durch die da Vincieske Wandschicht hindurch, auch hier ist die Landschaft im Hintergrund zu einer grauen Andeutung geworden. Über dem Bild steht „the naked truth“. In unserer Gesellschaft sind sie eben doch die Tonangebenden, denke ich: die weißen heterosexuellen Männer. Von Glasdecken und ähnlichen Phänomenen kann schließlich jede Frau berichten, und auch die Verteilung von Besitz spricht eine deutliche Sprache. Aber wie nackt ist eigentlich eine Wahrheit, deren hard facts in Form von Körperlichkeit auf chirurgischen Eingriffen beruht?.

Auch auf dem nächsten Bild mit männlichem Jesus wird die Wahrheitsebene der hard facts in Frage gestellt. Hier sind die Figuren wieder bekleidet. Die Fliesen sind nach wie vor sichtbar, doch der Landschafts-Hintergrund hat sich ganz verloren. Das Grau der angedeuteten Fenster im Hintergrund ist blicklos geworden und erlaubt keine Ahnung von Transzendenz mehr. Die Turnschuhe an den Füßen der Jesus-Figur sind hier am deutlichsten. „Truth has no a gender“ steht über dem Bild. Wahrheit hat kein Geschlecht, keine festgelegte Alltagsordnung, keine „alpha-males“.

Wirklich? Ist das auch das, was die Bildsprache sagt? Ich schaue nochmal hin. Kein anderes Bild der Serie wirft mich vom Hintergrund her so sehr auf die Immanenz zurück, auf die Realität der Inszenierung. Aber gleichzeitig ist diese Jesus-Figur hier dem Original auf da Vincis Bild ähnlicher als der nackte Jesus mit dem „dämonischen“ Blick auf „the naked truth“. Was hat dieser breitbeinige Jesus in der Mitte, der den Kopf nach links gesenkt hält, mit seiner Umgebung zu tun?

Ich versuche, seine Pose nachzuahmen und fühle mich dabei einerseits traurig, in mich gekehrt, von der Welt abgeschnitten. Gleichzeitig fühle ich mich gespalten: Es liegt ein seltsamer Widerspruch zwischen dem gesenkten Kopf und den geöffneten, in Turnschuhen steckenden Beinen, die Raum beanspruchen und ihren Platz in der Welt behaupten. Ist das der Widerspruch zwischen der Lehre und dem Erlösungsversprechen des Christentums einerseits und der heutigen Realität andererseits? Die Gewänder auf diesem Bild, die an das Original erinnern, wiederholen diesen Widerspruch: Sie setzen sich ab von der Immanenz, die der Hintergrund suggeriert.

Wahrheit. Was ist Wahrheit. Nehme ich die wahrgenommene Vision ernst, hat jeder Mensch seinen eigenen Zugang zur Wahrheit. „Truth knows no a gender“, es gibt keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit, auch nicht für alpha-males, lese ich dann. Sondern die Wahrheit blitzt durch den Lebenstanz jedes einzelnen Menschen hindurch auf. Die alltägliche Ordnung, die so viele unterdrückt und verachtet, befindet sich in einem Spannungsverhältnis zu diesem Wahrheitsbegriff. „Who are you to judge“, fragt ein Bild der Serie. Ja, wer sind wir, wenn wir uns anmaßen, über die Wahrheit im Leben eines anderen Menschen zu richten, als Gesellschaft und als einzelner Mensch? Und wer sind wir, wenn wir uns jenseits der Alltagsordnung bewegen, uns davon befreien? Wer könnten wir sein?

Ladyboy Jesus von Becker HarrisonGerade die Ladyboys, die von der Gesellschaft täglich gekreuzigt werden, tanzen sich auf den Bildern von BeckerHarrison frei – ganz klar sichtbar wird dies für mich im Bild vom Ladyboy-Jesus am Kreuz, vor dem Hintergrund der Abenddämmerung. Die Abenddämmerung ist eine Zeit, in der die hard facts des Tages schwinden und Visionen an Raum gewinnen, auf wundersame Weise auf die Realität einwirken. Und hier, vor diesem Hintergrund, hängt der Ladyboy-Jesus nicht am Kreuz, sondern tanzt davor in der Pose des Gekreuzigten, tanzt seinen individuellen Traum von Schönheit, Lebendigkeit und Anmut und hebt auf diese Weise die alltägliche Kreuzigung für einen Augenblick auf.

Wie wäre es denn, wenn die Jesus-Figur ganz verschwindet, fragt ein anderes Bild und konfrontiert mich mit einer Leerstelle am Platz von Jesus. Der Landschaftshintergrund ist auf diesem Bild wieder da, aber das Blau ist diesig und die Landschaft verhangen. Wäre das eine einsame Welt, dystopisch und abwertend, regiert von hard facts, in der es keine Transzendenz mehr gibt? Eine Welt, in der alle durch die wertenden Blicke der Gesellschaft täglich gekreuzigt werden? Oder wäre es umgekehrt eine Welt, in der die Transzendenz mitten ins Leben gekommen ist, eine Welt, in der die Menschen nicht mehr im Außen nach Erlösung suchen müssen, weil sie den Weg der Erlösung, den Weg eines friedlichen, freundlichen und  gleichwertigen Miteinanders in sich selbst gefunden haben – und somit Jesus und die etablierten Religionen nicht mehr brauchen? Und liegt das nicht letztlich an uns selbst?

Langsam tauche ich aus den Tiefen der Bilder wieder auf. Es ist Zeit zu gehen. Aber morgen komme ich wieder. Ich bin mir inzwischen sicher: Da wartet noch manche Tiefenschicht darauf, von mir durchschwommen zu werden.

 

 

 

Augenblick der Stille

Kanzleramtsbrücke Spiegelung

Sonntag Nachmittag an der Spree nähe Kanzleramt. Die Sonne scheint und geht dem Untergang zu. Am Flussufer liegt noch Eis und macht den Spaziergang zur Rutschpartie. Ich bleibe stehen, betrachte den Fluss. Trete auf den Rasen, gehe ganz nah ans Ufer.

Glockenmusik plätschert aus dem Park herüber, und die Sonne nimmt langsam eine orangerote Färbung ein. Tiefhängende weiß-graue Wolken ziehen durch den blauen Himmel und filtern das Licht. Auf den winzigen Wellen brechen sich Sonnenstrahlen in sachter Färbung. Das Zusammenspiel von Licht, sanftem Wind und Wasser zaubert ein beinahe surreales Zerrbild der Brücke auf den Fluss.

Dies muss ein wunderbares Licht für Maler sein, denke ich und genieße das Spiel von Mustern und Farben. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen die Welt sich öffnet und zugleich alles im Inneren zum Stillstand kommt.

In die Wolken schleichen sich langsam orange-rosa Farbtöne ein. Ich verlasse meinen Posten am Ufer und gehe zurück Richtung Hauptbahnhof, freue mich auf das Skispringen im Fernsehen, das gerade begonnen haben muss.

Bundespresseamt
Bundespresseamt in Reflexion

Da breitet sich vor mir nochmal die ganze Schönheit des Augenblicks aus: Das Kanzleramt schläft im diesigen Abendlicht, das Bundespresseamt reflektiert sich im stillen Wasser. Frieden im Regierungsviertel. Zumindest von außen.

 

Musik als Zuhause

Europe Konzert Berlin 2015

Am Montag beim Konzert von Europe: Der Klangteppich legt sich um mich wie ein weicher warmer Umhang, der an genau den richtigen Stellen vom Tragen etwas ausgebeult ist. Oben auf der Bühne stehen diese fünf Musiker, die ich aus meinen frühen Teenager-Jahren so gut kenne: Ihre Poster hingen damals einige Jahre lang in meinem Zimmer, und ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben ein anderes Rock-Album öfter gehört habe als The Final Countdown.

Als Europe 1987 mit eben diesem Album schlagartig berühmt wurden, war ich im besten Schwärm-Alter. Damals war Rockmusik noch neu und aufregend für mich; meine Eltern hörten nur Klassik. Europe hatte alles, was ich mir von einer Band wünschen konnte: schöne Melodien, rockige Rhythmen, hübsche Gesichter – und mit Joey Tempest einen strahlenden Frontmann mit toller Stimme. Ich kann mich noch gut an die Aufregung erinnern, mit der ich ihrem Auftritt in der Liederhalle in Stuttgart entgegenfieberte. Es war mein erster Konzertbesuch überhaupt.

Jetzt befinde ich mich also nach 28 Jahren wieder in einem Konzert von ihnen.

Europe- Konzert im Astra Berlin 2015
Europe- Konzert im Astra Berlin 2015

Die Bühne ist kleiner, das Publikum zum Großteil mit den Musikern gealtert. Das mittlere Alter steht ihnen gut, besser als so manchem Zuhörer. Zwischen die neuen Songs, die wieder härter und rockiger geworden sind, haben sie die alten Hits eingeflochten. Die Mischung sitzt. Mit jedem Lied ziehen sie mich mehr in ihre Musik und ihre Show hinein; ich lasse mich von den Tricks, den Posings und dem entwaffnenden Charme des etwas eitlen, dabei jedoch selbstironischen Frontmanns Tempest ebenso einwickeln wie von der Musik und den Lichteffekten.

Joey Tempest, Europe, Konzert 2015, Berlin
Frontmann Joey Tempest in Aktion

Ein seltsames Gefühl holt mich ein, es spürt sich ein bisschen an als käme ich nach langer Zeit nach Hause.

Nach wirklich langer Zeit. Denn wie das Leben so spielt: Europe entwickelte sich in den Alben nach The Final Countdown musikalisch in eine andere Richtung als mein Musikgeschmack, die Poster verschwanden und wurden durch andere ersetzt. Dass sich die Band 1992 auflöste, bekam ich nur noch am Rande mit. Ihre Wiedervereinigung 2004 ging völlig an mir vorbei.

Bis Sonntag. Da lernte ich jemanden aus der Road Crew von Europe kennen und kam auf die Gästeliste fürs Konzert. Jetzt, wo ich diese Musik wieder höre, stelle ich fest, wie sehr ich sie all die Jahre vermisst habe. Dass sie zuletzt wieder härter geworden sind, gefällt mir. Musik ist auch ein zuhause. Und was für eins.

 

PS: Inzwischen haben Europe bei den diesjährigen Classic Rock Awards in der Rubrik „Comeback Of The Year“ gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Mehr zu den diesjährigen Classic Rock Awards: http://www.bbc.com/news/entertainment-arts-34785593